Heavy Metal Reviews

Location: Münster

e-Trado GmbH

Rockfest Festival Vainstream 2014 Münster

Rockfest Festival Vainstream 2014 Münster

(5. Juli 2014) Bereits zum neunten Mal lädt das Vainstream Rockfest nach Münster. Das Konzept des Festivals, Bands aus den Sparten Metal, Hardcore und Punk zu vereinen, geht schon seit der ersten Festivalausgabe auf. Dieses Jahr kann man sogar auf vier verschiedenen Bühnen Bands sehen. Wie gehabt gibt es die beiden Hauptbühnen, die direkt nebeneinander stehen. Hinzu kommt die Relentless Energy Stage, die ab dem späten Nachmittag vier Bands auftreten lässt, während die Hauptbühnen pausieren. Abends lädt dann noch die Club Stage, die in der benachbarten Sputnik Halle angesiedelt ist, zum späten Mosh ein.

Auch 2014 heißt es, dass das Festival restlos ausverkauft ist. An die 10.000 Fans drängeln sich auf dem großen und dennoch überschaubaren Festivalgelände. Der Großteil des Publikums sollte noch unter 20 Jahren alt sein. Ob die meisten davon überhaupt schon 18 sind, wage ich jedoch zu bezweifeln. Erkennbarer Frisurentrend bei dem Damen scheinen die Farben pink, blau und grün zu sein. Vor ein paar Jahren undenkbar, heute beinahe Standart - zumindest auf dem Vainstream, welches ein sehr breit gefächertes Publikum anzieht. Egal, ob Mittvierziger-Metalhead oder 16 jähriges Szene-Mädchen, alle kommen zusammen.

Die erste Band, die ich sehe ist BURY TOMORROW. Die britische Metalcore-Band muss schon um halb elf die Bühne besteigen. Trotzdem sind schon einige Leute vor der Bühne und bereit für die ersten Pits des Tages. Obwohl die Band doch das ein oder andere Metal-Zitat in den Songs durchschimmern lässt, scheinen die Kids voll auf das äußerst sympathische Quintett abzufahren. 'Man of Fire' eröffnet das halbstündige Set der Engländer von BURY TOMORROW. Highlight ist jedoch 'Lionheart' vom 2012er Album "The Union of Crowns", welches die meisten Publikumsreaktionen hervorrufen kann. Leider wird allerdings kein Song vom Debüt "Portraits" gespielt, dennoch ist dieser Gig ein guter Auftakt für den Tag.

Auf die nachfolgenden BLESSTHEFALL habe ich mich im Vorfeld sehr gefreut. Die Jungs waren schon letzten Oktober auf der AUGUST BURNS RED-Tour richtig gut. Heute kann man sogar noch einen drauf setzen. Der "Hollow Bodies"-Opener 'Exodus' eröffnet das Set. Leider braucht es etwa zwei Minuten bis der Sound klar aus den Boxen schallt, vorher sind Gesang und Snare drum zu leise, die Bassgitarre dafür zu laut. Dafür kann die Gruppe allerdings nichts. Besonders Sänger Beau Bokan macht heute ein gute Figur und zeigt sich Fan-nah und kann mit seiner sympathischen Art punkten. Auch musikalisch ist alles bestens! Die Setlist ist ein guter Mix aus den drei Alben mit Bokan am Mikro. Vom Debüt "His Last Walk" will eh niemand was hören, da es stilistisch auch zu weit vom aktuellen Metalcore-Sound entfernt ist. 'You Wear A Crown, But You're No King' beendet dann das großartige Set der Amerikaner, welches zumindest für mich am Ende des Tages das viertbeste sein soll.

Es folgt STICK TO YOUR GUNS, welche im Moment eine der Bands der Hardcore-Szene ist. Ich selber konnte allerdings nie wirklich viel mit der Mischung aus Hardcore, Mosh-Parts und poppigeren Parts anfangen. Auch der Auftritt wird an meiner Meinung nicht viel ändern können, obwohl ich schon gestehen muss, dass die Gruppe eine mehr als solide Performance liefert. Doch funktioniert eine STICK TO YOUR GUNS-Show sicherlich in einem kleinen Club um einiges besser als auf großen Festivalbühnen. Highlight des Auftritt ist das beinahe durchgehend gesungene 'Still Believe'.

Dass OF MICE & MEN bereits um kurz nach zwölf auftreten müssen, wird dieses Jahr wohl das letzte Mal sein. Bis zur Show von BRING ME THE HORIZON kann keine Band so viele Fans vor die Bühne locken wie Sänger Austin Carlile und seine Kameraden. Als der Frontmann ganz alleine und ohne irgendein Intro die Bühne betritt, kreischen ihm die Mädchen der ersten Reihen entgegen. Carlile scheint sich dieser Aufmerksamkeit bewusst und genießt diese sichtlich. Dann schreit er die ersten Worte des Openers 'Public Service Announcement' in sein Mikrofon und der Rest von OF MICE & MEN betritt die Bühne. Das Köln-Konzert im April war schon gut, doch macht die Truppe auf der großen Bühne des Vainstreams eine noch bessere Figur. Zwar ist der Moshpit nicht ganz so wild wie im kleinen Underground, die Musiker hingegen bewegen sich etwas mehr und müssen nicht hinter Carlile zurückstecken, weil nicht genügend Platz ist.

Ähnlich wie STICK TO YOUR GUNS macht COMEBACK KID in der Halle eine etwas bessere Figur. Ich bin aber erstaunt, dass die Hardcore-Band aus Kanada heute doch recht viele Leute vor der Bühne versammeln kann. Rein optisch hätte ich viele im Publikum nicht für Fans der Band gehalten. So kann man sich täuschen! 'Die Knowing' vom gleichnamigen Album erwies sich schon im Februar als gutes Live-Intro. Der drückende und wütende Anfang sollte nun wirklich jeden vor der Bühne aufwecken. Die Setlist ist ein guter Mix der fünf Studioalben der Band, auch wenn "Broadcasting..." heute irgendwie etwas zu kurz kommt, da nur der geniale Titeltrack gespielt wird. Natürlich können das "Wake The Dead"-Material am meisten punkten. Wie immer beendet der gleich betitelte Song das mehr als solide Set der Kanadier.

Nach einer halbstündigen Pause betritt das britische Metalcore-Quintett der ARCHITECTS die Bretter. Nach fünf Alben konnte das Sechste "Lost Forever // Lost Together" endlich den wohlverdienten Durchbruch für die Jungs aus Brighton, England bringen. Daher ist es kein Wunder, dass beinahe das gesamte Set aus Nummern dieser Veröffentlichung besteht. Zwar hätte ich ein paar Nasen mehr im Publikum erwartet, allerdings schlägt das milde (und somit ideale Festival-Wetter) in einen leichten Regenschauer um. Dies tut der Stimmung auf und vor der Bühne allerdings keinen Abbruch. Besonders der Opener 'Gravedigger' wird lautstark von den Fans mitgesungen. Sänger Sam Carter macht stimmlich eine gute Figur - trotz seiner energiegeladenen Performance, die ihn ständig in Bewegung hält. Unterbrochen wird er nur bei einem kurzen Stromausfall während 'Naysayer', der durch einen Stagediver verursacht wird. Die Band nimmt es mit Humor und setzt wenig später genau da ein, wo sie unterbrochen wurden. Die einzig älteren Nummern im Set stammen allesamt vom Vorgänger "Daybreaker". Leider gibt es nicht mal 'Early Grave' von "Hollow Crown". Das ist aber der einzige und sehr kleine Kritik an dieser tollen Show. Für mich die drittbeste Band des Tages.

Nach dem anspruchsvollen Sound der ARCHITECTS geht es bei EMMURE eher stumpf zur Sache. "Lieber einen Breakdown mehr als einen zu wenig" scheint das Motto der Amerikaner zu sein. Besonders auf die Jüngeren im Publikum hat die Band eine beinahe unverständliche Anziehungskraft. Zugegeben die ersten beiden Alben fand ich auch recht gut, die beiden Nachfolger waren ein drittklassiger Nu Metal-Verschnitt. "Slave To The Game" war dann wieder besser und das aktuelle Werk "Eternal Enemies" konnte mich nicht überzeugen. Ehrlich gesagt habe ich von EMMURE nicht allzu viel erwartet, doch muss ich gestehen, dass mir die 40 Minuten lange Liveshow der Band recht gut gefällt. Zwar setzt die Setlist ausschließlich auf die letzten vier Alben und beinhaltet nichts der ersten beiden Platten, doch können beinahe asoziale Breakdown-Bollwerke wie 'R2 Deepthroat' oder 'Nemesis' zumindest kurzzeitig unterhalten.

Musikalisch wertvoller ist da schon, was SILVERSTEIN im direkten Anschluss bietet. Die Emo-/Post-Hardcore-Truppe aus Kanada kann auch Jahre nachdem der große Emo-Hype sie bekannt machte noch sehr viele Leute auf der ganzen Welt begeistern. Anderen Bands ist dies nicht gelungen. SILVERSTEIN bietet eine gute Festival-Setlist, die sich besonders auf die Hits der recht großen Diskographie basiert. Hinzu kommt mit 'Stand Amid The Roar' immerhin eine Nummer des aktuellen Album "This Is How The Wind Shifts", dafür wird das dritte Werk "Arrivals & Departures" leider ausgeklammert. Nichtsdestotrotz liefert die Gruppe eine wirklich gute Show, die scheinbar auch dem Publikum gefällt. Selbst auf von einem Fan per Twitter eingereichte Songwünsche geht Sänger Shane Todd ein (obwohl gewünschtes 'Call It Karma' sicherlich so oder so gespielt worden wäre). Durch Gitarren-Neuzugang Paul Marc Rousseau wirkt die Band erstaunlich frisch und besonders die Saiten-Fraktion hat sichtlich Spaß und scherzt miteinander rum. Sänger Todd nimmt seinen Job etwas ernster, macht aber auch eine gute Figur. Schade, dass nach 40 Minuten schon Schluss ist, denn drei oder vier Nummern mehr hätten sicherlich niemandem geschadet.

Durch eine kurze Essenspause verpasse ich leider die Hälfte vom Set der brasilianischen Thrash Metal-Legende SEPULTURA. Dafür ist die Hälfte, die ich sehen kann, mit Hits gefüllt. 'Slave New World' entlockt dem doch sehr zahlreich vor der Bühne stehenden Publikum viel Begeisterung. Das Thrash-Riff-Massaker von 'Arise' kann dem sogar noch einen drauf setzen. Die Band hat sicherlich nicht mehr den Status wie sie ihn in den späten 80ern bis in die 90er hin hatte, jedoch muss man SEPULTURA noch immer ernst nehmen. Außerdem macht "Neuzugang" Derrick Green (immerhin auch schon seit 1998 dabei) eine sehr gute Figur als Sänger. Mit 'Ratamahatta' und natürlich dem obligatorischen 'Roots Bloody Roots' beendet die Metalband ihren Auftritt. Da hätte ich gerne mehr von gesehen, allerdings muss man im Vorfeld zum BRING ME THE HORIZON-Set taktisch an die Platzwahl heran gehen.

In der Umbaupause vor dem deutschen Rap-Trio K.I.Z. kann man sich schon einmal günstig zwischen den beiden Bühnen positionieren, um später einen super Platz für BRING ME THE HORIZON zu haben. Ich kann mit K.I.Z. zwar nicht viel anfangen, doch ist die Performance doch recht unterhaltsam. Dies liegt aber besonders an den Momenten zwischen den Songs, die durch politisch beinahe korrekte und recht witzige Ansagen gefüllt werden.

Dann tritt endlich BRING ME THE HORIZON auf. Standesgemäß wird es richtig voll vor der Bühne. Als ich die Briten um Sänger und Frauenschwarm Oliver Sykes das letzte Mal auf dem Vainstream 2009 gesehen habe, musste die Band noch am Mittag spielen. Heute gibt man sich als vorletzte Band auf dieser Bühne die Ehre. 'Shadow Moses' eröffnet die Show der Engländer aus Sheffield. Von der ersten Sekunde an ist das Publikum in Bewegung und singt den Refrain lautstark mit. Die zum Sextett gewachsene Band macht heute eine sehr gute Figur. Besonders Sykes ist stimmlich mit der Zeit ziemlich gewachsen. Selten klang er so voluminös wie am heutigen Tag, allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob die klar gesungenen Passagen wirklich alle komplett live sind oder ob da nicht etwas mit Playback gearbeitet wurde. Dies fällt besonders beim melodischen 'Can You Feel My Heart' auf dessen Mittelteil erst gesungen und dann gebrüllt wird. Im Hintergrund kann man aber den Gesang noch einmal genauso hören, während Sykes brüllt. Auch wenn Keyboarder Jordan Fish gesanglich hier und da aushilft sticht zumindest diese Stelle heraus. Dennoch ist die Stimmung der Band und der Fans spitze. Die Setlist besteht ausschließlich aus Songs vom aktuellen Werk "Sempiternal" und zwei Nummern vom 2008er "Suicide Season". Da hätte sicherlich noch etwas von Album eins und drei kommen dürfen, doch hat BRING ME THE HORIZON leider nur 45 Minuten Spielzeit und so muss man wohl Abstriche machen. Nach dem großartigen 'Sleepwalking' verabschiedet sich die Metalcore-Institution. Für mich die beste Show des diesjährigen Vainstreams.

HATEBREED könnten sich schon beinahe häuslich auf dem Vainstream einrichten. Bereits zum dritten Mal tritt die Hardcore/Metalcore-Truppe auf. Nur PARKWAY DRIVE waren wohl noch öfter da. Ich habe schon ewig kein HATEBREED-Album mehr gehört, doch waren "The Rise of Brutality" und "Supremacy" damals zwei geniale Alben, die genau zwischen Hardcore und (Thrash) Metal pendelten. Mit 'To The Threshold' von "Supremacy" machen Jamey Jasta und seine Jungs einen mehr als ordentlichen Anfang. Der Großteil des Sets beruht dann auf Songs, die auf den letzten beiden Alben "Hatebreed" und "The Divinity of Purpose". Die Stimmung ist allerdings bei den älteren Beiträgen am besten. Leider kommt die Vergangenheit aber etwas zu kurz und so vermisst man Evergreens wie 'A Call For Blood', 'Proven', 'Doomsayer' oder 'Another Day, Another Vendetta'. Man muss aber auch sagen, dass HATEBREED mittlerweile keine wirkliche Hardcore-Show mehr machen, sondern sich einiges bei den Großen Bands des Metals abgeschaut haben. So werden alle Musiker vorgestellt oder irgendwelche Deals mit dem Publikum ausgehandelt. Das könnte man so auch bei METALLICA bekommen.

Die deutsche Metalcore-/Melodic Death Metal-Band HEAVEN SHALL BURN headlinen eine der beiden Hauptbühnen. Warum die Ostdeutschen in den letzten Jahren so erfolgreich geworden sind, kann ich mir nicht erklären. Spätestens seit dem 2006er "Deaf To Our Prayers" war kein Album mehr wirklich überzeugend. Von Album zu Album wurde die Musik gleichgültiger, gleichzeitig stieg die Popularität. Mittlerweile hat man mehr Bühnenaufbauten als IRON MAIDEN. Als ich HEAVEN SHALL BURN das letzte Mal vor etwa vier Jahren sah war die Show noch bodenständiger. 'Counterweight' von "Deaf To Our Prayers" ist allerdings ein guter Opener. Nach fünf Songs verdrücke ich mich allerdings etwas nach hinten. Mir gibt die Musik der Straight Edger leider nicht mehr viel. Auch aus nostalgischen Gründen (wie gerade noch bei HATEBREED) kann mich HEAVEN SHALL BURN nicht vor der Bühne halten.

Außerdem ist es wichtiger einen Platz in der Club Stage zu bekommen, immerhin spielt TRASH TALK. Wie immer betritt die Band mit etwas Verspätung die Bretter. Was folgt sind 25 Minuten Hardcore der ganz wilden Sorte. Die mit viel Punk und Thrash Metal angereicherten Hassbrocken entfalten sich live noch besser als auf Platte. Zudem hat man mit Sänger Lee Spielman einen absolut unberechenbaren Frontmann, der gerne vor der Bühne agiert. Die Fans werden dadurch nur noch mehr zum durchdrehen animiert und so ist zwischenzeitlich der gesamte Bereich von Bühne bis Soundpult ein Moshpit. Nummern wir 'Walking Disease', 'Dig', 'Awake' oder 'Slender' sind trotz aller Wut und Rotz sehr präzise von den Musiker gespielt, während vor der Bühne die Hölle losbricht. Gegen Ende des Sets Stürmen die Fans jedoch nach Spielmans Aufforderung die Bühne und veranstalten auf der Bühne einen kleinen Pit. Man merkt, dass Präpositionen bei TRASH TALK nicht wie bei anderen Bands zu gebrauchen sind. Daher für mich der zweitbeste Auftritt des Festivals und die beste TRASH TALK-Show, die ich gesehen habe.

Nach knapp zwölf Stunden Musik voller Breakdowns und Stehen bin ich ehrlich gesagt froh, dass sich das Festival für mich dann dem Ende zu neigt und es in Richtung Heimat geht. Organisatorisch gab es dieses Jahr nichts auszusetzen. Das Wetter war trotz - oder gerade wegen - des durchwachsenen Zyklus aus Sonne und Bewölkung ideal. Nächstes Jahr gerne wieder!



Text © by Sebastian Berning