Heavy Metal Reviews

Location: FZW, Dortmund

e-Trado GmbH

Crashdiet mit Sister und Sleekstain

Heavy Metal Reviews

(10. Mai 2013) 2013 könnte "The Savage Playground" von CRASHDIET so ziemlich das Glam/Sleaze-Album des Jahres werden. Diese Band ist zur Zeit einfach das Maß aller Dinge wenn es um eine moderne Interpretierung dieses 80er Sounds geht. Da können selbst Vorreiter wie HARDCORE SUPERSTAR nicht mehr mithalten. Erfolgstechnisch scheinen diese beiden Aushängeschilder eh auf dem selben Level zu stehen. Der Club-Raum des FZW ist ausverkauft und gut 350 Fans sind nach Dortmund gereist. Nicht weniger als ich letzten Sommer beim Köln-Gig von HARDCORE SUPERSTAR gesehen habe.
Die erste Band, die ich heute zu Gesicht bekomme ist SLEEKSTAIN. Ich denke mir geht es ähnlich wie vielen anderen Anwesenden: Die Band ist mir unbekannt. Die Franzosen spielen ähnlich rotzigen Glam wie die Landsmänner von Black Rain und präsentieren somit eine Mischung aus POISON, MÖTLEY CRÜE und SKID ROW. Rein vom musikalischen Standpunkt aus ist das nun wirklich nichts Neues und so ziemlich genau die Schnittmenge in der sich viele der jungen aufstrebenden Gruppierungen der Szene tummeln. In kaum einer anderen Szene liegen Topbands und absoluter Dreck so nahe beieinander wie hier. Leider sind SLEEKSTAIN keine der besseren Bands. Die Performance der Franzosen ist in Ordnung, aber auch nichts was einen die Kinnlade aufklappen lässt. Was die Songs selber angeht bewegt man sich ebenfalls im Durchschnitt mit wenig Ausbrüchen nach oben oder unten. Dies scheinen auch die meisten Anwesenden so zu sehen und so stehen viele vor dem FZW um zu rauchen und die die in der Halle sind geben Applaus und wippen mit dem Fuß mit, wirken allerdings nicht gerade begeistert.
Eine ganz andere Stimmung herrscht da schon bei SISTER. Ich kenne kaum eine Band, die Sleaze dermaßen dreckig, asozial und punkig verpackt wie dieses schwedische Quartett. Ihr Debütalbum "Hated" ist ein absolut roher Brocken, der trotz simplen Songs und Riffs begeistern kann. Ich durfte die Jungs schon einmal auf dem Shout It Out Loud Festival erleben und mir gefiel direkt die sehr energiegeladene Performance der weißgeschminkten Musiker. Auch am heutigen Abend gibt man ordentlich Gas und spielt so ziemlich jeden Hit vom Debütalbum "Hated" wie etwa 'Body Blow', 'Bullshit and Backstabbing', 'Hated' oder 'Too Bad'. Bei diesen Songs kann das Publikum sogar stellenweise mitsingen. Mit dem extrem punkigen 'I Don't Care If You Die' gibt es noch einen Leckerbissen der "Dead Boys Making Noise" EP. Wesentlich interessanter als diese Nummer ist aber der neue Song 'Slay Yourself For Me'. Musikalisch scheint man sich nicht weit vom "Hated"-Sound entfernt zu haben und kann so die Fans mit einem eingängigen Refrain entzücken. Gut 45 Minuten lang heizen SISTER den Dortmundern ein und können so ziemlich jeden in ihren Bann ziehen. Wer die Band bislang noch nicht erlebt hat, sollte dies unbedingt ändern, da es sich hier um eine ziemlich gute Liveband handelt.
Noch besser können es aber CRASHDIET. Nach einer recht langen Umbaupause kommen die vier Männer auf die Bühne und legen mit 'Change The World', dem "The Savage Playground"-Opener, los. Mit 'Circus' und 'Anarchy' gibt es keine Verschnaufpause für das hungrige und recht junge Publikum. Die Band um Sänger Simon Cruz rockt ordentlich auf der kleinen Bühne ab und hat sofort jeden ihrer Anhänger auf ihrer Seite.
Aushängeschild Cruz ist zudem sehr gut bei Stimme und trifft auch die hohen Töne trotz seiner energiegeladenen Performance. Hinzu kommt noch der extrem gute Sound, der aus der PA schallt. Als dann noch mit 'Queen Obscene/69 Shots' endlich ein "Rest In Sleaze"-Song gespielt wird, gibt es kein Halten mehr vor der Bühne. So ziemlich jeder Arm ist in der Luft und jedes Tanzbein wird geschwungen.
Vor 'California' macht Cruz aber noch eine kurze Ansage über den auf der US-Tour verstorbenen Manager der Band und sagt, dass diese Tour fast nicht möglich gewesen wäre. Beim Singen merkt man dem Mann mit dem blauen Irokese an, dass ihm der Tod des Freundes noch sehr nah geht. Auch das darauf folgende 'Rebel' wird etwas schneller und rauer gespielt als man es vom "Generation Wild"-Album gewohnt ist. 'Garden Of Babylon' beendet dann den ersten Teil des Konzerts und stellt auch den einzigen (und eher kleineren) Kritikpunkt dar: Das instrumentale Ende des Songs zögern die drei Musiker viel zu lange heraus und dann passiert musikalisch noch nicht einmal wirklich viel.

Cocaine Cowboys

Den ersten Zugabenteil eröffnet 'Riot In Everyone', welches wieder den gesamten Saal zum beben bringt. 'Down With The Dust' wird direkt hinterher geschossen, bevor bei 'Generation Wild' die Musiker von FALLEN MAFIA auf die Bühne kommen (leider habe ich die Band verpasst) und sich noch einmal feiern lassen, da dies ihr letzter Gig der Europa-Tour war. Etwas nervig ist allerdings der Sänger, welcher gefühlte 47 Mal ins Publikum springt und dabei keine besonders gute/wilde/coole Figur macht.
Wieder gehen CRASHDIET von der Bühne, tauchen aber noch einmal für 'Cocaine Cowboys' auf. Dann ist nach etwas weniger als 70 Minuten mit einem erstklassigen Konzert Schluss. CRASHDIET sind einfach die moderne Glam/Sleaze-Band geworden. Schade ist nur, dass man keinen Song von "The Unattractive Revolution", dem Album mit RECKLESS-LOVE-Sänger Olli Hermann, zum Besten gegeben hat, man hat halt nicht ewig Zeit auf der Bühne und kann nicht alles spielen.. Aber rein von der Performance her, kann keine andere Band diesen vier Schweden das Wasser reichen im Moment.

Text © by Sebastian Berning